Capoeira und Berimbau

Freie Capoeira Gruppe
Heidelberg

Was ist Capoeira?

Wer zum ersten Mal ein Capoeira-Spiel ( jogo ) sieht, wird Schwierigkeiten haben, die rythmischen Angriffs-, Verteidigungs- und Akrobatiktechniken in altbekannte Strukturen einer Sportart einzuordnen, denn im jogo scheinen beide Spieler Gegner und Partner zugleich zu sein. Sieger oder Verlierer einer Partie sind nicht einfach auszumachen.

Genau darin unterscheidet sich die Capoeira von allen anderen Kampfsportarten: es handelt sich um eine abstrahierte Kampfform, bei der der Gegner nicht vordergründig durch Muskelkraft außer Gefecht gesetzt, sondern durch "Schlitzohrigkeit" ( malicia ) überlistet werden soll. Ziel des Spiels ist es, durch Kombination der verschiedenen Techniken und spontaner Improvisation auf das Verhalten des Gegenübers angemessen zu reagieren, damit sich ein flüssiges Spiel entwickeln kann.

"The true capoeira of each one of us is that which lives in the body of each one. Musical, ethical, and technical standards exist, however capoeira is the behavioral manifestation of each being - true expression of human individuality."
Mestre Decânio (*1923 †2012)

Entstehung der Capoeira

Die Capoeira hat bereits eine vielseitige Geschichte hinter sich, ihr Ursprung ist allerdings nach wie umstritten. Die bekannteste Entstehungstheorie fasst Capoeira als Widerstandsform entflohener afrikanischer Sklaven auf, die Capoeira als Kampftechnik und Überlebensphilosophie angesichts des grausamen Alltags auf den Plantagen des brasilianischen Nordostens entwickelten.
Capoeira als Guerillakampf entwickelte sich demnach als physischer Überlebenskampf in den provisorischen Siedlungen entflohener Sklaven ( quilombos ) und konservierte zugleich afrikanische Traditionen als Ausdruck eines "schwarzen" Selbstbewusstseins.

Auch nach der Abschaffung der Sklaverei 1888 ( Lei Áurea, unterzeichnet von Prinzessin Isabella ) blieb der letzt genannter Aspekt bedeutend für die Capoeira, da die Integration der afrikanisch stämmigen Bevölkerung ausblieb und sie an den Rand der gesellschaftlichen Existenz gedrängt wurde. Die meisten ehemaligen Sklaven zogen in die großen Städte wie Rio, Salvador oder Recife, wo sie mit hoher Arbeitslosikeit und erneuter Kriminalisierung konfrontiert waren.
Dadurch rutschte auch die Capoeira in den Untergrund, da sie in den urbanen Zentren von rivalisierenden Banden praktiziert und im postkolonialen Machtkampf politisch instrumentalisiert wurde. Bis zur ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts wurden Capoeiristas daher polizeilich verfolgt und die Kulturform marginalisiert.

Erst 1930 legalisierte der durch Militärputsch eingesetzte Präsident Getúilo Vargas die Capoeira, da er mithilfe einer Aufwertung schwarzafrikanischer Kulturelemente eine nationalistische brasilianische Identität anstrebte. Maßgeblichen Einfluss an der Rehabilitation der Capoeira übte Manuel dos Reis Machado aus, der unter seinem Spitznamen Bimba der bekannteste Mestre der Capoeira wurde.

Bedeutung des Wortes Capoeira

Ebenso wie die Entstehung der Capoeira ist auch die Bedeutung des Wortes an sich unklar. Die wichtigsten Hypothesen sind die folgenden:
  • caâpuêra: gerodete Urwaldlichtung - aus den Tupí-Guaraní Sprachen: caâ = Wald und puêra = licht, spärlich bewachsen)
  • capoeiras wurden Weidenkörbe genannt, um Vögel zu halten z.B für Hahnenkämpfe
  • der Name eines kleinen Vogels, ähnlich einer Wachtel.
Die erste Theorie ist die am meisten akzeptierte und basiert auf der Tatsache, dass zur Zeit der Kolonialherrschaft in Brasilien, entflohene Sklaven sich in den Wäldern und Quilombos versteckt haben. Mit der Zeit wurde das Wort caâpuêra mit diesen entflohenen Sklaven assoziiert und entwickelte sich zu dem heutigen Capoeira.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Mestre Acordeon, Brief description of Capoeira
  • Mestre Canjiquinha, 1989, The joy of Capoeira
  • Mestre Decânio, 1997, The Heritage of Mestre Bimba
  • Mestre Decânio, 1997, A herança de Pastinha (The Heritage of Pastinha)
  • Nestor Capoeira, 2003, The little Capoeira book, North Atlantic Books, Berkeley, CA, USA
  • Röhrig Assunção, 2005, Capoeira - The History of an Afro-Brazilian Martial Art, Routledge, Abingdon, Oxon, UK
  • Thull, 2006, Kampf und Tanz: Ein ethnologischer Vergleich von Capoeira, Moringue und Danmyé in ehemaligen portugiesischen und französischen Kolonien
  • Thull, 2011, Kampftänze der afrikanischen Diaspora, Grée Mahé e-Publishing, Bocholt, Deutschland
Berimbaus und Pandeiro


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